Die Restaurierung eines Lepper Primus — oder: Was passiert, wenn dreißig Jahre Leder auf eine zweite Chance wartet und diese dann auch bekommt.


Es gibt Pakete, die man erwartet. Und es gibt Pakete, die man herbeisehnt. Dieses hier fiel in die zweite Kategorie. Absender: Petra, irgendwo in Celle und sehr sehr nett. Gefunden auf Kleinanzeigen.de, nach einem kurzen aber ernsthaften Bietergefecht mit mir selbst — zu dem Punkt, ab dem ein Ledersattel aus dem Jahr 1993 noch ein Schnäppchen ist und ab wann man anfängt, sich zu fragen, ob man sie noch alle hat.

Dann klingelte der Postbote.


Ankunft bei mir. Petra aus Celle verpackt Ledersättel in Gewürzkartons. Respekt und der Inhalt: spicy 🌶️🔥!

Ein Dudel-Würzt-Gewürzkarton. Gut verpackt, stabil, mit dem nötigen Ernst für ein Objekt, das 30 Jahre auf dem Buckel hat. Innen: Luftpolsterfolie. Viel Luftpolsterfolie. Was immer da drin ist, es sollte wohlbehalten ankommen.


Standesgemäß eingewickelt. Was auch immer Petra sonst über Fahrräder weiß — Verpacken kann sie sehr gut.

Der erste Blick — und die erste Einschätzung

Ein Lepper Primus. Holland. Baujahr: April (D) (19)93 [auf dem Sattelgestell eingeschlagen]. Die Lepper-Manufaktur aus Tilburg fertigte seit Generationen Ledersättel (leider nur bis zum Konkurs 2020), die sich — anders als ihr Ruf — nicht zwingend nach einem Schreibtischstuhl aus dem 19. Jahrhundert anfühlen müssen, wenn man weiß, was man damit macht. Der Primus ist ihr klassisches Modell: Leder auf Stahlgestell, sieben(!) Spiralfedern, die den Fahrer davon abhalten, jeden Straßenschaden direkt in der Wirbelsäule zu registrieren.

Dieser hier hatte mehr als dreißig Jahre hinter sich. Man sah es.


Ankerzustand. Das Leder lebt noch, aber ist trockener als die Wüste Gobi im Dezember und härter als ein frisch gegossenes Betonfundament nach dreißig Jahren in der Wüste Gobi bei dezentem Sonnenschein. Das Metall auch — knapp, aber wie der Brite sagt: Needs tlc!.

Von vorne: das Leder zeigt Charakter. Oder, weniger romantisch formuliert: erhebliche Vernachlässigung.

Das Leder: trocken, dunkel, mit Oxidationsflecken an den Rändern. Lebendig, aber durstig. Das Gestell: rostig an den Schrauben, angelaufen an den Federn, die Sattelstütze in einem Zustand, den man höflich als „patiniert“ und weniger höflich als „vergessen“ bezeichnen könnte. Kurzum: ein klassischer Fall von gutem Material, das schlechte Gesellschaft hatte.

Diagnose: restaurierbar. Behandlung: notwendig. Norma-Prospekt als Werkstattunterlage: vorhanden, weil Sauerei droht.

Demontage — oder: Wie viele Teile hat ein Sattel eigentlich?

Die Antwort lautet: mehr als man denkt, wenn man ihn zusammengebaut ansieht und trotzdem eine Schraube und deren Mutter fehlt. Der Lepper Primus besteht aus Lederfläche, dessen Kaschierung auf der Unterseite,  Sattelgestell, zwei Seitenfedern, vier Heckfedern, Nasenfeder (oder Schenkelfeder/Scherenfeder), Sattelstütze, Sattelkloben, Spannstücken, Verbindungsbügel und einer Handvoll Schrauben, die seit 1993 nicht bewegt worden waren und das auch leidenschaftslos kommunizierten.


Darunter steckt mehr Mechanik als erwartet. Und mehr Rost auch.

Das Ergebnis der vollständigen Demontage ist das, was Fahrradschrauber kennen und lieben: ein Tisch voller Teile, die einzeln harmlos aussehen und zusammen nach Arbeit riechen.


Vollständige Demontage. Später muss alles wieder zusammenpassen. Das ist der Moment, in dem man anfängt, die Teile zu fotografieren — aus Erfahrung.

Werkzeug, Mittel, Methode

Für die Metallteile: Poliboy Metallpolitur, Stahlwolle, Pinsel und Geduld. Für das Leder: Lederpflege-Creme / Möbelpflege für Leder (flüssig für die Unterseite des Sattels), ein weiches Tuch und dasselbe. Für die Schrauben: Rostlöser, Schraubendreher, Maulschlüssel (10, 13) und die leise Hoffnung, dass keine abreißt.


Das Arsenal. Poliboy für die Seele des Metalls, Ledercreme (Erdal) für die Seele des Leders. Der Norma-Prospekt für die Seele des Tisches und mein Überleben.

Poliboy und Stahlwolle. Eine bewährte Kombination, die seit Jahrzehnten angelaufenes Metall zur Vernunft bringt und die Raumluft mit dem Geruch eines Metallverarbeitungsbetriebs flutet.

Die Metallteile — vorher, nachher, Staunen

Die Sattelstütze war das dankbarste Objekt des gesamten Projekts. Dreißig Jahre Anlauf, Poliboy drauf, Stahlwolle ran — und dann das: Chrom. Echtes, leuchtendes Chrom, das unter der Oxidation gewartet hatte wie ein ungeduldiger Panther vor der Fütterung.


Die Sattelstütze nach der Behandlung. Was vorher grau, rostig und matt war, ist jetzt ein Spiegel. Man hätte sich darin rasieren können — was ich nicht getan habe (siehe Video)

Die Spannstücke zeigten sich etwas weniger kooperativ, ließen sich aber überzeugen.


Vorher. Die Spannstücke kommunizieren unmissverständlich ihren Zustand.

Nachher. Nicht perfekt, aber wieder anständig.

Der Verbindungsbügel — gereinigt, entrostet, wieder würdevoll.

Die Schrauben. 1993er Jahrgang. Rost als Zeugenaussage. Vorher (links) / Nachher (rechts)

Das Leder — trinkt und schweigt

Leder ist kein Material, das man behandelt. Man pflegt es. Der Unterschied ist derselbe wie zwischen jemandem, der eine Pflanze gießt, und jemandem, der sie versteht. Lederpflege-Creme und Möbelpflege, dünn aufgetragen, eingearbeitet, trocknen und einziehen lassen — das Leder nimmt an, was es bekommt, und gibt nichts preis. Nach drei bis vier Behandlungen war die Oberfläche wieder geschlossen, satt und dunkel auf die Weise, die nur altes, gepflegtes Leder hinbekommt.


Möbelpflege (flüssig und mit Bienenwachs) auftragen. Das Leder nimmt sie dankbar an — wie jemand, der lange nichts getrunken hat und dann höflich genug ist, es nicht zu zeigen.

Das Ergebnis

Dann kam der Moment, auf den man bei solchen Projekten hinarbeitet: Montage. Alle Teile zurück an ihren Platz, Schrauben mit frischem Fett gesichert (gegen zukünftigen Rost), Federn eingehängt, Sattelstütze eingefädelt. Das Ganze unter freiem Himmel geprüft — weil ein restaurierter Sattel Tageslicht verdient.


Fertig. Der Lepper Primus nach der Restaurierung. Er sieht aus, als hätte er die letzten dreißig Jahre nicht in einer Garage, sondern in einem guten Hotel verbracht.

Das Leder von oben: satt, dunkel, geschmeidig, geschlossen. So soll es sein.

Von hinten: die Federn auf Hochglanz, das Gestell sauber, die Mechanik bereit.

Wo er jetzt sitzt

Ein restaurierter Sattel braucht ein Rad. Dieser hier hat eines bekommen, das zu ihm passt — und dem er seinerseits sehr gut steht.


Installiert. Der Lepper Primus auf seinem neuen Rad — oder sein neues Rad unter dem Lepper Primus, je nach Perspektive.

Petra aus Celle hat keine Ahnung, was aus ihrem alten Sattel geworden ist. Falls sie das hier liest: Er ist in guten Händen. Und er sieht besser aus als vermutlich damals, als er das erste Mal auf einem Rad montiert wurde.

1993 hat angerufen. Es ist zufrieden. Ich habe geliefert!

Und wer den Sattel in Action sehen mag, bekommt hier kleine Einblicke:

 

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