Manchmal braucht das Glück eben einen amtlichen Totalschaden. Also rein infrastrukturell betrachtet. Schicksal? Vielleicht. Ein göttlicher Tritt in den Hintern der automobilen Bequemlichkeit? Ganz sicher.

Bonn steht still. Genauer gesagt: Bonn-Nord steht. Die Rheinbrücke der A565 ist platt, die Statik hat kollektiv die weiße Fahne gehisst und der Asphalt schläft den Schlaf der Gerechten. Über 100.000 Autos, die sich hier sonst täglich Stoßstange an Stoßstange durch die Abgase schoben, suchen nun verzweifelt nach Alternativen. Und was macht der gemeine Bildzeitungs-Leser? Er schimpft auf die Politik, die Autobahn GmbH, die verschlafene, öffentliche Verwaltung und das Universum.

Ich sage: Danke, liebe Brücke. Danke für diesen wunderbaren, schmerzhaften, absolut alternativlosen, schicksalsgegebenen Veränderungsimpuls. Denn wenn der Mensch eines nicht freiwillig tut, dann ist es, die Komfortzone auf vier Rädern zu verlassen. Da braucht es schon das sanfte Knirschen von brechendem Beton, um den Horizont zu erweitern.

Die bittere Pille der Realität – oder: Das große Erwachen

Wer mich kennt, weiß: Ich habe wenig Mitleid mit Menschen, die im Stau stehen. Wer im Auto sitzt, ist der Stau. Aber die Zahlen, die jetzt aus Bonn rüberschwappen, sind selbst für meine optimistischen Radler-Augen ein Fest. Auf der Kennedybrücke hat sich der Radverkehr innerhalb von Tagen mal eben verdoppelt. Über 8.000 Menschen schrubben da an einem normalen Montag über den Asphalt – Tendenz steil nach oben.

Plötzlich merken die Leute, dass man auf zwei Rädern nicht nur schneller an den genervten Gesichtern in den Blechlawinen vorbeizieht, sondern dass frische Luft am Morgen tatsächlich besser schmeckt als die Rußpartikel des Vordermanns. Wer hätte das gedacht? Die Krise als Katalysator.

„Wenn der Mensch erst merkt, dass er auf zwei Rädern schneller ist als mit 150 PS im Stillstand, hat das Auto verloren.“

Markus, Schaltwerk73

Kreativität schlägt Bürokratie

Besonders amüsant ist die aktuelle Dynamik. Plötzlich werden Anträge geprüft, die vor Monaten noch als utopische Spinnerei von „Fahrrad-Aktivisten“ abgetan wurden. „Macht die Autobahnbrücke für Räder frei!“ fordert der ADFC. Und die Autobahn GmbH? Prüft tatsächlich die Statik für Radlerrampen. Wenn der Druck im Kessel groß genug ist, bewegt sich plötzlich sogar die härteste Bürokratie.

Unternehmen öffnen unbürokratisch ihre Duschen, die Stadtwerke verbuchen Rekorde bei den Leihrädern und der Bröltalbahnweg wird zur inoffiziellen Fahrrad-Autobahn. Es geht doch. Es musste nur erst alles zusammenbrechen. Und so zeigt sich, dass das Versagen des Bundes (Autobahn GmbH) auf dem Rücken der Bürgerinnen und Bürger dazu führt, dass wir als Bürger doch dazu in der Lage sind gangbare Alternativen zu etablieren, wenn der Schmerz im Rücken nur bis an das Ende des Selben vordringt und der Kopf sagt, dass es auch anders gehen muss. Nun steht außer Frage, dass diese bittere Pille lange genug wirken muss, damit sich nachhaltig diese Alternativen, die nun durch die Bürgerinnen und Bürger geschaffen werden, den Weg in die täglich gelebte Praxis finden. Und genau für das Problem der notwendig langen Einwirkzeit dieser bitteren Pille hat der Bund eine tolle, mittel-günstige Lösung im Petto! Es ist ja nun nicht so, dass unsere politischen Eliten nicht auch gute Ideen haben, denn schon bis voraussichtlich 2034 ist eine neue Brücke gebaut (Wir erinnern uns, dass ganz flux aus Stuttgart21 –> Stuttgart31 wurde).

Keine Ausreden: Luigi lacht über die Sperrung

Natürlich gibt es auch wieder die Schlaumeier in den Amtsstuben, die jetzt fordern, Radwege temporär für Autos freizugeben, um den Kollaps zu verhindern. Ernsthaft? Das ist so, als würde man einem Verdurstenden das letzte Glas Wasser wegnehmen, um damit das brennende Auto zu löschen. Wir müssen den Raum für die Zukunft öffnen, nicht die Vergangenheit reanimieren!

Für mich zeigt das Ganze nur eines: Wir brauchen keine jahrelangen Diskurs-Schleifen über die Verkehrswende. Wir brauchen machbare Tatsachen. Wenn mein alter Stahlrenner „Luigi“ oder mein agiles 20-Zoll-Faltrad mich ohne Stress, ohne CO₂ und mit einem Grinsen im Gesicht zur Arbeit bringen, während der SUV-Fahrer meditiert, um nicht das Lenkrad zu zerbeißen – dann hat die Transformation längst begonnen.

Bonn macht gerade einen kalten Entzug durch. Und Entzug tut weh. Aber am Ende steht ein saubereres, fitteres und vor allem schlaueres Vorwärtskommen. Also: Kette ölen, Helm auf und ab aufs Rad. Die Brücke ist dicht – der Weg ist frei!

Wie seht ihr das? Seid ihr in Bonn schon auf den Sattel umgestiegen oder leidet ihr noch im Blechkäfig? Schreibt es mir in die Kommentare!

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