Überliefert aus dem heiligen Buch des Ordens der Heiligen Kettenlinie, Kapitel Tübingen

I. Die Weihe des ersten Blutes
Du hast Dir zum ersten Mal ein Kettenblatt in die Wade gerammt. Es war nicht tief, aber es war symbolisch. Die Narbe wird nie ganz verblassen. Sie ist Dein Gesellenbrief. Wer kein Kettenblatt-Tattoo am rechten Bein trägt, hat nie wirklich geschraubt oder ist nie Rad gefahren! Alternativ erreicht diese Weihe auch, wer sich eine Bärentatze in´s Schienbein gerammt hat.
II. Die Weihe der verlorenen Kugel
Du hast ein Lager geöffnet, das Du besser nicht geöffnet hättest. 14 Kugeln waren drin. 13 hast Du wiedergefunden. Eine ist in eine Dimension gerollt, die die Physik noch nicht beschrieben hat. Du hast zehn Minuten auf dem Werkstattboden gelegen und mit einer Taschenlampe unter das Regal geleuchtet. Du hast sie nicht gefunden. Du wirst sie nie finden. Sie gehört jetzt dem Geist des zur Werkstatt geweihten Orts.
III. Die Weihe des falschen Drehmoments
Du hast eine Schraube festgezogen und dabei dieses leise, endgültige Knack gehört, das bedeutet: Die Schraube ist nicht fester geworden. Die Schraube existiert nicht mehr – sie ist ab. Du hast drei Sekunden lang reglos dagestanden, bevor Du leise „Nein“ gesagt hast. Diese Erfahrung trennt den Anfänger vom Fortgeschrittenen, oder Meister — nicht, weil der Fortgeschrittene es nicht mehr tut, sondern weil er schneller „Nein“ sagt.
IV. Die Weihe der schwarzen Hände
Du hast versucht, nach der Arbeit Deine Hände zu waschen. Mit Seife. Mit Spülmittel. Mit Orangenreiniger. Mit einem Bimsstein. Mit Verzweiflung. Deine Fingernägel waren trotzdem schwarz. Du bist so zum Abendessen gegangen. Deine Familie hat nichts gesagt. Sie hatten es aufgegeben.
V. Die Weihe des übrig gebliebenen Teils
Du hast etwas auseinandergebaut und wieder zusammengebaut. Alles funktioniert. Auf der Werkbank liegt eine Unterlegscheibe, von der Du nicht weißt, woher sie kommt. Du schaust das Rad an. Du schaust die Scheibe an. Du schaust das Rad an. Es fährt. Die Scheibe wandert in die Schublade der ungeklärten Dinge, wo sie sich zu den anderen gesellt. Die Schublade wird nie leer.
VI. Die Weihe der prophetischen Diagnose
Ein Rad fährt an Dir vorbei. Du hörst ein leises Tick-tick-tick-tick. Du sagst, ohne hinzusehen: „Speichenmagnet streift am Sensor.“ Oder: „Kettenniet.“ Oder: „Pedalgewinde.“ Und Du hast Recht. Dein Begleiter schaut Dich an, als hättest Du gerade Wasser in Kettenöl verwandelt. Du zuckst die Schultern. Du weißt selbst nicht, woher Du das kannst. Es ist einfach da.
VII. Die letzte Weihe: Die demütige Akzeptanz
Du hast ein Tretlager gelöst, das seit 1987 nicht bewegt wurde. Es hat drei Stunden gedauert. Du hast Verlängerungsrohre benutzt, WD-40, einen Brenner, leise Gebete und am Ende einen beherzten Schlag mit dem (Gummi)Hammer. Als es sich löste, hast Du nichts gefühlt. Keine Freude, keinen Triumph. Nur Ruhe. Du wusstest: Das nächste wird genauso. Und Du wirst es trotzdem tun. Weil Du musst. Weil Du ein Fahrradmechaniker bist.
Wer alle sieben Weihen empfangen hat, darf sich mit vollem Recht „Schrauber“ nennen. Eine offizielle Urkunde existiert nicht. Die Narbe am Schienbein reicht.

Schreibe einen Kommentar