Wer seine Kette liebt, der wachst. Und wer dabei nicht gleich 30 Euro und mehr für ein Markenprodukt ausgeben will, greift zu Haushaltskerzen, einer Prise Graphit und etwas PTFE-Pulver. Klingt nach Werkstatt-Alchemie? Ist es auch — aber eine, die funktioniert! Für unter fünf Euro pro Anwendung bekommt man eine Kettenschmierung, die sauberer läuft als jedes Nassöl, den Verschleiß spürbar reduziert und das Kettenblatt so blank hält, dass man sich drin spiegeln kann. Kein schwarzes Hosenbein, kein Schmierfilm, kein schlechtes Gewissen. Der Haken: Ein bisschen Aufwand muss sein. Herdplatte und alter Topf statt Tropfflasche, Eintauchen statt Draufträufeln. Aber wer schon mal eine Kette mit Q-Ringen und Rekordschaltwerk zerlegt hat, den schreckt ein Topf heißes Wachs nicht.


DIY-Kettenwachs ist in der Cycling-Community ein echtes Rabbit Hole. Hier eine bewährte Rezeptur und eine ehrliche Einordnung.

Was braucht es? Die Materialliste

  1. Sollte die Kette noch auf dem Antriebsstrang sein, so öffnet die Kette mit dem Kettennietdrücker.
    Pro-TIP:
    Wenn ihr kein Kettenschloss habt, so drückt den Kettenniet nicht ganz heraus, sondern seht zu, dass der Niet noch in der gegenüberliegenden Kettenaußenlasche bleibt. So könnt Ihr den Niet später wieder in die Kette drücken!
  2. Eine kleine Herdplatte. Gibt es im Supermarkt oft günstig, oder es steht noch irgendwo eine auf dem Dachboden bei Oma rum
  3. Ein alter Topf mit anderhalb bis zwei Liter Fassungsvermögen. Oft bei Oma zu finden
  4. Zwei weiße, unparfümierte Paraphinkerzen (alternativ gehen auch Teelichter). Bei DM und Konsorten ein Schnapper für den schmalen Taler und für gegen 2 € zu haben
  5. ein gehäufter Teelöffel Graphitpulver (mikrofein, gibt’s im Schlossereibedarf/Baumarkt oder online). Meist zwischen 4 und 5 €
  6. ein gestrichener Teelöffel PTFE-Pulver (Mikropulver, z. B. 1–5 µm Korngröße, online erhältlich). Kostet etwa 10 bis 15 € pro 50 Gramm
  7. Nitro-Universalverdünnung. Kosten: 5 bis 7 € im Baumarkt
  8. ein altes Marmeladenglas – Neuesten Forschungen zur Folge eignet sich Sauerkirschenmarmelade besonders. Wer mehr darüber wissen will, kann sich bei sports+medicine einlesen
  9. Ein kurzes Stück Schnur (30 bis 40 cm sollten reichen)
  10. Kettensloss / Kettenschlussglied (achtet auf die Stärke Eurer Kette! Es gibt unterschiedliche Kettenschlösser für unterschiedliche Kettenstärken)
  11. benötigtes Werkzeug:
    1. Kettennietdrücker
    2. Kettenschlosszange

Rezept / Zubereitung

  1. Kerzen im Topf auf der Herdplatte langsam schmelzen
    (Schmelzpunkt ca. 56–62 °C)
    Vorsicht mit der Hitze! Paraphindämpfe sind brennbar und der Gesundheit nicht sonderlich zuträglich.
  2. Graphitpulver einrühren, gut vermengen
  3. PTFE-Pulver dazugeben, nochmal gründlich rühren. PTFE löst sich nicht, sondern wird suspendiert — also immer wieder umrühren

Wie wachst man eine Kette?

  1. Bevor Ketten – neu oder bereits gebraucht – gewachst werden können, müssen diese öl- und fettfrei sein!
    Bevor Ihr also mit dem Wachsen beginnt, gebt Ihr die Kette in ein Marmeladenglas mit Nitro-Universalverdünner und schüttelt es erstmal mitsamt der Kette für eine gute Zeit, oder lasst die Nitro-Universalverdünnung über Nacht Ihre Wirkung entfalten und schüttelt danach noch gut.
  2. Nach der Reinigung müsst Ihr die Kette ordentlich trocknen, oder eine gute Zeit ablüften lassen
    Bitte nicht triefend vor Nitroverdünnung in´s Wachsbad geben! Das kann sehr schmerzhaft werden, weil das  warme Wachs und Nitroverdünnung spritzen können! Eine Schutzbrille ist immer ratsam!
  3. Die trockene Kette fädelt Ihr nun auf die Schnur und gebt sie in das warme Wachsbad
    Bewegt die Kette ein wenig im Wachsbad, damit Ihr Graphit und PTFE nochmals gut im Wachsbad einrührt und die Luft in den Röllchen aus der Kette entweichen kann
  4. Lasst die Kette für etwa 20 Minuten im warmen Wachsbad, damit das Wachs gut in alle Glieder, Röllchen und Teile der Kette einziehen kann
  5. Entnehmt die Kette aus dem Wachsbad und lasst sie ein wenig abkühlen
  6. Mit Handschuhen fädelt ihr die noch sehr warme Kette auf den Antriebsstrang des Rades und schließt die Kette wieder (Werkzeug/Material: siehe Liste oben!)
  7. Da das nun langsam abkühlende Wachs fest wird, muss die Kette nun eingebrochen werden. Im noch warmen Zustand bewegt Ihr nun die Kette durch alle Gänge rauf und runter. Macht das für einige Minuten, bis das Wachs wieder kalt ist

Auf den ersten Metern einer Fahrt nach dem Wachsen kann die Kette noch leichte Geräusche machen. Das ist normal! Fahrt und nach ein wenig Strecke kommt Ihr in den wahren Genuss einer flüsterleisen und top funktionierenden Kette. Sanft wie eine Frühlingsbrise gleitet Ihr dahin.

Paraphin, Graphit & PTFE – Der Wirkkomplex

Jeder der drei Bestandteile hat eine eigene Aufgabe — zusammen ergänzen sie sich ziemlich ideal:

Paraffin ist das Trägermaterial. Es umschließt im flüssigen Zustand die Kettenglieder, dringt in die Röllchen und Bolzen ein und bildet beim Erkalten einen trockenen, festen Schmierfilm. Weil die Oberfläche trocken bleibt, haftet kaum Staub oder Dreck daran — das ist der entscheidende Vorteil gegenüber Nassschmierstoffen. Paraffin allein wäre aber als Schmiermittel nur mittelmäßig: Es hat einen relativ hohen Reibungskoeffizienten und nutzt sich unter Last schnell ab.

Graphit ist ein Festschmierstoff mit Schichtstruktur. Die einzelnen Graphitlagen gleiten extrem leicht übereinander ab — ähnlich wie ein Stapel Spielkarten. Das senkt die Reibung in den Kettengelenken deutlich. Graphit ist außerdem druckbeständig, was bei der punktuellen Belastung zwischen Bolzen und Röllchen wichtig ist. Es sorgt zusätzlich dafür, dass die Schmierung nicht schlagartig versagt, wenn das Paraffin sich abnutzt — Graphit bleibt als Restschmierung auf den Metalloberflächen haften.

PTFE (Teflon) hat den niedrigsten Reibungskoeffizienten aller Feststoffe. Es bildet einen mikrofeinen Gleitfilm auf den Metalloberflächen und reduziert die Reibung nochmals dort, wo Graphit allein nicht hinreicht — besonders in den engsten Spalten der Gelenke. PTFE ist zudem chemisch völlig inert, reagiert also weder mit Wasser noch mit Schweiß oder Reinigungsmitteln. Es ergänzt das Graphit, weil es in anderen Lastbereichen seine Stärken ausspielt: Graphit ist besser unter hohem Druck, PTFE besser bei schneller Gleitbewegung.

Im Zusammenspiel: Paraffin liefert den sauberen Trägerkörper und hält Dreck fern. Graphit übernimmt die Hauptschmierung unter Last. PTFE füllt die Lücken in den Reibungsbereichen, die Graphit nicht optimal abdeckt. Das Ergebnis ist ein Schmierfilm, der trocken, leise und erstaunlich langlebig ist — und deutlich besser funktioniert, als jede der drei Komponenten für sich allein könnte.

Was bringt´s?

  • Sauberkeit: Wachs bleibt trocken, zieht keinen Dreck an. Kein schwarzer Schmierfilm am Hosenbein oder Kettenblatt.
  • Geringer Verschleiß: Graphit und PTFE sind Festschmierstoffe mit sehr niedrigem Reibungskoeffizienten. Die Kette läuft leise und geschmeidig.
  • Haltbarkeit der Kette: Weniger abrasiver Schmutz in den Gelenken = deutlich weniger Kettenlängung über die Zeit.
  • Watt-Ersparnis: Im Vergleich zu schlecht gepflegten Ketten oder billigem Nassschmierstoff durchaus 2–5 Watt weniger Reibungsverlust. Das ist messbar, wenn auch im Alltag eher akademisch.

Schwächen

  • Nicht wasserfest: Bei Regen wäscht sich Wachs relativ schnell aus. Für Allwetter-Pendler daher nur bedingt geeignet.
  • Nachlegen nötig: Alle 300–800 km muss die Kette nachgewachst werden (bei Trockenheit auch mehr).
  • Aufwand: Das Eintauchen ist deutlich aufwändiger als einfach Öl draufzuträufeln.

Vergleich mit kommerziellem Kettenwachs

  DIY-Paraffinwachs Handel (z. B. Silca, Molten Speed Wax, Squirt)
Basiswachs Kerzenparaffin, relativ weich Spezialparaffin-Blends, teils mit mikrokristallinem Wachs für bessere Haftung
Additive Graphit + PTFE nach Augenmaß Präzise dosierte Mischungen aus MoS₂, PTFE, BN, Graphen etc.
Schmelzpunkt 56–62 °C Oft bewusst höher (70–80 °C) für bessere Hitzebeständigkeit
Standzeit 300–800 km 500–800+ km (je nach Produkt)
Wasserresistenz mäßig teils deutlich besser durch Wachsmodifikatoren
Reibungswerte gut top-tier Produkte sind im Labor nochmal 1–3 Watt besser
Preis ca. 3–5 € pro Anwendung 20–40 € für einen Topf (reicht aber für viele Anwendungen)

Ehrliches Fazit

DIY-Kettenwachs mit Paraffin, Graphit und PTFE ist eine sehr solide Lösung, die der typischen Nassschmierung in puncto Sauberkeit und Verschleißschutz deutlich überlegen ist. Gegenüber den Premium-Produkten verlierst du etwas bei Standzeit, Wasserresistenz und den letzten Reibungswatt — aber für 90 % der Anwendungsfälle (Rennrad bei trockenem Wetter, Sonntagsrunde, Trainingsfahrten) reicht das völlig. In Summe ist es aber nicht nur, dass Ihr mit DIY-Kettenwachs Geld gegenüber kommerziellen Premiumprodukten spart, sondern spart Ihr durch das Wachsen einer Fahrradkette auch dadurch, dass Ihr den Verschleiß im Antriebsstrang reduziert und somit weniger häufig die Kette ersetzen müsst und das Geld für neue Kassette länger auf dem Bankkonto bleiben darf.

Wenn Ihr es für das Rennrad im Trockenen nutzt: perfekt. Für die richtig Harten zum Pendeln bei jedem Wetter eher weniger ideal — da wäre ein gutes Tropfwachs der bessere Kompromiss aus Sauberkeit und Wetterfestigkeit. An einem DIY-Rezept dafür werkel ich gerade noch.

Aber ich wäre ja nicht ich!

Wenn Ihr so ganz und gar im DIY-Modus seid, habe ich das Rezept noch etwas im Hinblick auf Wasserfestigkeit hin optimiert! Wie Ihr im Vergleich zu kommerziellem Kettenwachs seht, hat das Basisrezept seine Schwächen, die man aber leicht überwinden kann. Wachsmodifikation ist das Geheimnis, das ich mit Euch teilen möchte, da normales Kerzenparaffin relativ grobkristallin und spröde ist — Wasser dringt leicht in die Risse ein. 

Schaltwerk73´s geheimes Geheimkettenwachsrezept zum Schluss

  • 140 g Kerzenparaffin
  • 50 g mikrokristallines Wachs (aus dem Kosmetikhandel)
  • 10 g Bienenwachs
  • 1 TL Graphitpulver
  • 1 TL PTFE-Pulver

Mit Bienenwachs und mikrokristalinem Wachs könnt Ihr in der Menge spielen und das mikrokristaline Wachs oft auch ganz durch Bienenwachs ersetzen.

Damit kommt man von 300–800 km Standzeit im Trockenen auf eine Mischung, die auch einen Regenschauer übersteht, ohne sofort nachgewachst werden zu müssen. An echte Nassschmiermittel reicht es bei Dauerregen trotzdem noch nicht ganz heran — das liegt in der Natur von Wachs. Für Fahrten, bei denen Regen möglich, aber nicht sicher ist, ist es ein guter Kompromiss.

Zum Schluss

Da das ganze eine ordentliche Stinkerei sein kann, macht das bitte unter einem Abzug, oder an einer gut gelüfteten Stelle!

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5 Kommentare zu „Kerzenschein und Kettenglück: Kettenwachs selbstgemacht“

  1. […] ihr euch noch an die letzte Wachs-Aktion? Wir haben Kerzen in Töpfe geworfen, sie auf der mobilen Herdplatte in der Werkstatt geschmolzen […]

  2. Avatar von Jürgen Kneup
    Jürgen Kneup

    Betr.: Wasserfestigkeit verbessern.

    Ich werde mal ergänzend zu deinem Rezept „ DistrEbution Wachsadditiv zur Verhinderung der Kristallstruktur in Paraffinkerzen“ ausprobieren.

    Hier der Link: https://www.amazon.de/DistrEbution-Wachsadditiv-Verhinderung-Kristallstruktur-Paraffinkerzen/dp/B0CNK9FZVF

    Hast du schon Erfahrungen damit?
    Grüße
    Jürgen

    1. Avatar von Markus

      Hallo Jürgen,

      vielen Dank für Deinen sehr interessanten Kommentar! Leider kann ich nichts zu DistrEbution sagen, da ich es noch nicht verwendet habe. In meinen vielen Versuchen habe ich noch keine, oder nur geringste Probleme mit der Kristallisierung von Paraphin festgestellt.

      Die (grobe) Kristallstruktur, oder kurz gesagt das (grobe) Kristallisieren von Paraphin betrifft „lediglich“ die Haltbarkeit der Wachsschicht auf der Kette. Kurz gesagt…
      Das Wachs bröckelt mit der Zeit aus und von der Kette, da es sich nicht superoptimal an die Kettenoberfläche bindet.

      Was denke ich über DistrEbution?

      Es wäre sicherlich eine mögliche Lösung für das Kristalliesierungsproblem und wenn Du es testest, bin ich sehr auf Deine Erfahrungen gespannt! Berichte bitte wieder davon.

      Welche Lösung kann ich mir alternativ vorstellen und warum ist für mich die Kristallisierung kein so großes Thema gewesen?

      Für mich ist es aus dem Grund weniger problematisch, da ich einfach häufiger mit meinem Flüssigwachsrezept nachwachse. Ok, zugegeben… Das muss man wollen, aber die kleine Mühe mache ich mir.

      Als Alternative, um das grobe Kristallisieren zu vermeiden, kann ich mir vorstellen, dass Bienenwachs oder Vaseline als Additive helfen können. Das habe ich bereits getestet und muss feststellen, dass die Haltbarkeit doch um einiges zunimmt.

      Eine weitere Beobachtung während meiner Tests war, dass, wenn ich den PTFE-Anteil etwas erhöhe, das Kettenwachs ebenfalls standfester wird und die Haltbarkeit steigt, weil die PTFE-Partikel die grobe Kristallisierung stören und das Wachs sich „geschmeidiger“ mit der Oberfläche der Kette verbindet.

      Mein Fazit – ohne DistrEbution getestet zu haben –

      Es ist sicher einen Versuch wert, dass ich es teste, aber mir erscheinen das Spiel mit Bienenwachs- und PTFE-Anteil etwas günstiger (weil schon alles da ist) und die Zutatenliste übersichtlicher zu halten.

      Wie ist Deine Einschätzung und Meinung dazu?

      Ich bin gespannt, da es mein Ziel ist, dass wir eine kostenschonende, haltbare und einfache Alternative zu den teuren Produkten opensource entwickeln, damit jeder die Möglichkeit hat es zuhause zu testen und die Freude an einer guten Topkette bekommt!

      1. Avatar von Jürgen Kneup
        Jürgen Kneup

        Vielen Dank für die ausführliche Antwort.

        Ich werde erstmal mein aktuelles (gekauftes) Wachs aufbrauchen und zum Herbst hin eine eigene Mischung mit DistrEbution ansetzen.
        Da ich immer das ganze Jahr durchfahre suche ich eine möglichst beständige Lösung für die nasse Jahreszeit.

        Werde dann berichten.

        Grüße

        1. Avatar von Markus

          Gern geschehen, Jürgen. Ich bin gespannt, was Du zu berichten wissen wirst, wenn Du Deine neue Mischung machen wirst.

          Bis dahin wünsche ich Dir eine immer sichere Fahrt zu schönen Orten mit immer guter Kette.

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