
Königlicher Faltrad-Genuss

Hand aufs Herz: Wir alle leiden unter der n+1-Formel. Die Garage platzt aus allen Nähten, das Wohnzimmer sieht aus wie eine Montagehalle von Shimano, und eigentlich hat man für jede Lebenslage das passende Gerät. Doch dann taucht dieses kleine, smaragdgrüne Ding namens Rockbros VDS auf meinem Radar auf. Ein 20-Zoll-Faltrad, das optisch irgendwo zwischen britischem Landadel und urbanem Street-Style pendelt. Vernunft? War gestern. Neugier? Läuft auf Hochtouren. Eine Städte-Trip-Alternative zum Brompton zu einem sehr wettbewerbsfähigen Preis.

Anmerkung: Das hier gezeigte Rockbros VDS ist nicht ganz dem Original entsprechend! Wie auch??? Ist ja meins! Und vollständig von mir bezahlt!
Geändert wurden:
- Sattel: Broocks B17 Flyer
- Griffe: Brooks
- Spiegel: Decathlon
- Kurbelganitur Shimano 3x inkl. Grip-Shift Schalter (3x)
- Pedale
- Schutzbleche
- Front mounting Block mit Tasche
Optik & Erster Eindruck: James Bond auf Sparkurs?
Das Erste, was auffällt: Die Farbe. „British Racing Green“. Oder zumindest eine sehr überzeugende Hommage daran und die Lackierung ist für einen Brompton-Clone aus China sehr gut gelungen und die Lackqualität stimmt absolut. In Kombination mit dem braunen, gefederten Sattel (Brooks B17 Flyer – nicht original) und den passenden Griffen (Brooks – nicht original) sieht das Teil aus, als käme es gerade direkt aus einer Tweed-Ausfahrt in Oxford – dabei ist es ein waschechter Chinese. Die Verarbeitung wirkt überraschend solide. Kein Klappern, keine schiefen Schweißnähte, die einen nachts wachhalten. Alles in bester Ordnung, gute Komponenten und ein feiner Look. Besonders charmant: Die kleinen Details wie die Rockbros-Lederapplikation am Rahmen. Das ist wie ein Einstecktuch beim Anzug – völlig unnötig für die Funktion, aber es hebt die Stimmung ungemein und schützt doch den Rahmen beim Drübersteigen.

Die Technik: Kleiner Rahmen, große Klappe
Kommen wir zum Eingemachten. Das VDS rollt auf 20-Zoll-Laufrädern, was im Vergleich zu den winzigen 16-Zöllern der Konkurrenz fast schon wie „Monster Truck“ wirkt. Und das ist gut so! Man hat nicht das Gefühl, in jedem Schlagloch sein Testament schreiben zu müssen. Wenn man dann noch zu den bekannten und sehr beliebten Schwalbe Billy Bonkers in 2.1″ Breite wechselt, ist auch auf groberem Untergrund Grip und Komfort schon sehr nahe am britischen Faltrad-Verwandten, dem Brompton G-Line. Abgesehen davon, dass einem angesichts des horrenden Preisunterschieds die Schnappatmung ausbleibt.
- Schaltung: Eine Shimano Altus Gruppe mit Shimano M315 Schalter und Shimano M310 Schaltwerk (8-Gang Kassette mit 11 -32 T) sorgt für den Vortrieb. Sie schaltet die Gänge sauber, auch wenn man mal etwas beherzter in die Pedale tritt, weil die Eisdiele gleich schließt.
- Rahmen und Maße: 20 Zoll Chrom-Molybdän Rahmen mit Stahl-Gabel mit sehr sauberen Schweißnähten (B/H/T gefaltet: ~77cm / ~64cm / ~36cm)
- Bremsen: Hier wird nicht gespart. Mechanische Scheibenbremsen! Die verzögern so direkt, dass man beim ersten Mal fast über den Lenker absteigt.
- Sattel (original): Rockbros und sehr weich, weswegen der Brooks B17 Flyer unmittelbar drauf musste
- Felgen: Aluminium Hohlkammer
- Reifen (original): KENDA 20×1.50″ Puncture-Proof
- Gewicht ab Werk/original: ~12.5 kg
- Preis (Stand 04/2026): 549,00 €

Härtetest am Kieselstrand: Das VDS bleibt auch auf losem Untergrund cool. Sehr neutrale Fahreigenschaften, die schon fast an ein „normales“ Rad erinnern.
Fahrverhalten: Wendiger als ein Wiesel auf Espresso
Das Fahrgefühl? Sagen wir es so: Wer normalerweise auf einem Rennrad mit 56er Rahmen sitzt, kommt sich erst einmal vor wie ein Zirkusbär auf Dienstreise. Aber nach zwei Kurven hat man das Grinsen im Gesicht, wie es für ein Faltrad mit kleinen Rädern üblich ist. Das VDS ist so wendig, dass man damit theoretisch im eigenen Flur Achten fahren könnte (bitte nicht nachmachen, die Partnerin/der Partner dankt es euch). Sogar auf unebenem Terrain macht es eine sehr passable Figur. Klar, der Radweg und die Innenstadt sind sein natürliches Habitat, aber es scheut auch den kurzen Ausritt über Schotter nicht. Dank der aufrechten Sitzposition hat man zudem den perfekten Überblick über die Passanten, denen man geschickt ausweichen kann. Eine Einschränkung sei aber erwähnt, wenn man – wie ich stolze 1,86 misst – kommt man an das Limit der Körpergröße, die einen superbequem sitzen und fahren ließen. Aber auch dafür gibt es Abhilfe in Form längerer Sattelstützen (hier: 30.9 mm Durchmesser) und einer Erweiterung des Vorbaus. Mehr dazu demnächst in einem weiteren Post!
Der „Falt-Faktor“ & Alltag
Ein Faltrad, das sich nicht falten lässt, wäre nur ein… Fahrrad. Das VDS lässt sich mit wenigen Handgriffen sehr bequem und einfach mittels Exzenter-Schnellspannern zusammenlegen. Es wird zwar kein Origami-Meisterwerk wie ein Brompton, aber es passt problemlos in den Kofferraum eines Kleinwagens und gilt bei der Bahn noch immer als Handgepäck! Das Cockpit ist aufgeräumt, der Bryton-Mount hält den Rad-Computer bombenfest – perfekt für die Strava-Aufzeichnung der „Expedition zur Eisdiele“ oder des KOM auf der Mühlstraße in Tübingen. An dieser Stelle sei angemerkt, dass der Lenker eine für ein Faltrad sehr komfortable Breite hat, die dem Fahrgefühl sehr zuträglich ist.

Fazit und Bewertung: Klappen gehört zum Handwerk
Ist das Rockbros VDS das Rad für die Alpenüberquerung? Sicher nicht (obwohl ich die Gesichter der Mountainbiker gerne sehen würde). Aber es ist das perfekte Rad für alle, die Stil, Flexibilität und eine ordentliche Portion Fahrspaß suchen, wenn sie zur Arbeit pendeln, oder einen Städte-Trip planen. Es bricht das Eis, sorgt für Gespräche an der Ampel und sieht dabei deutlich teurer aus, als es ist.

Warum dieses Ergebnis?
-
Technik & Funktion: Das Rad ist tatsächlich ein Multitool. Die Vielseitigkeit – vom Pendeln bis zur Mitnahme im Auto oder der Bahn – ist technisch durch das kompakte Design super gelöst. Es macht genau das, was es soll: Mobilität einfach machen.
-
Material & Verarbeitung: Es wirkt für den Preis erstaunlich wertig. Es gibt keinen „Billig-Plastik-Vibe“, sondern solide Mechanik, die den Alltag wegsteckt.
-
Aussehen: Das Design ist modern und hebt sich vom klassischen „Klapprad-Image“ ab. Es sieht nach einem ernstzunehmenden Fahrrad aus, nicht nach einem Spielzeug.
-
Preis-Leistung: Hier holt das VDS massiv Punkte. Für das, was man bekommt, ist der Preis fast unschlagbar – eben typisch Rockbros: funktional und fair.
Der kleine Abzug zum 5. Daumen: Für die volle Punktzahl („Werkstatt-Gold“) müsste es in den High-End-Details (wie z.B. noch hochwertigeren Schaltkomponenten oder dem Gewicht oder den Schutzblechen, die es ab Werk nicht hat) perfekt sein. Da es aber ein preisbewusster Allrounder ist, landet es bei starken 4 Öldaumen. Ein grüner Giftzwerg mit Manieren beim Pendeln und auf dem Städte-Trip. Wer noch Platz für ein „n+1“ hat, sollte bei diesem Preis zuschlagen. Man gönnt sich ja sonst nichts – außer vielleicht ein zweites Eis!
Es ist mehr als ein Arbeitsgerät, das Bock macht – oder wie gesagt: „Kleines Rad, großes Klappen!“
Wer mehr über die Bewertungskriterien von Schaltwerk73 erfahren möchte:

Schreibe einen Kommentar